Operation Sturm - August 1995: Die größte ethnische Säuberung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg
1995

Operation Sturm - August 1995: Die größte ethnische Säuberung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg

Eine Militäroperation der kroatischen Armee (4.-8. August 1995). 200.000-250.000 Serben vertrieben, 1.500-2.500 Zivilisten getötet, 22.000 Häuser niedergebrannt. Das Haager Tribunal: die systematische Zerstörung serbischen Lebens. Straflosigkeit - die Kommandanten freigesprochen.

Die Operation Sturm war eine viertägige Militäroperation der kroatischen Armee gegen die Republik Serbische Krajina (RSK) im August 1995. Das Ergebnis: eine der größten Flüchtlingswellen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kontext - die Republik Serbische Krajina (RSK)

Was war die RSK?

  • Eine selbsternannte serbische Republik in Kroatien (1991-1995)
  • Territorium: Westslawonien, Lika, Banija, Kordun, Dalmatien
  • Bevölkerung: ~300.000 Serben (überwiegend Zivilisten)
  • Grund für die Entstehung: Angst vor einer Wiederholung des NDH (Jasenovac)
  • Status: International nicht anerkannt
Der Krieg in Kroatien 1991-1995:
  • 1991: Der Zerfall Jugoslawiens, Krieg in Kroatien
  • 1992: Waffenstillstand (Abkommen von Sarajevo) - die RSK unter UN-Schutz
  • 1992-1995: Eine Zone unter UN-Schutz (UNPA - UN Protected Areas)
  • 15.000 UN-Soldaten (UNPROFOR) schützten die Zone

Vorbereitung des Sturms - Kroatien war nicht allein

Amerikanische Unterstützung

MPRI (Military Professional Resources Inc.):

  • Ein amerikanisches privates Militärunternehmen
  • Pensionierte amerikanische Generäle
  • Bildeten die kroatische Armee 1994-1995 aus
  • Der Operationsplan - amerikanische Militärdoktrin
Nachrichtendienstliche Informationen:
  • Die USA lieferten Satellitenaufnahmen der RSK-Stellungen
  • Abhören der Kommunikation
  • Koordinierung des Angriffs
Diplomatische Unterstützung:
  • Die USA blockierten den UN-Sicherheitsrat - er verurteilte den Angriff nicht
  • Botschafter Richard Holbrooke - Unterstützung für Tuđman

Militärische Überlegenheit

Die kroatische Armee (HV):

  • 200.000 Soldaten (die bestausgebildeten und bestbewaffneten in der Region)
  • Panzer, Artillerie, Flugzeuge
  • Amerikanische Ausbildung
Die RSK-Armee (SVK - Armee der Serbischen Krajina):
  • 30.000 Soldaten (überwiegend alte Männer und Reservisten)
  • Veraltete Bewaffnung
  • Schlechte Ausbildung
  • Keine Unterstützung - Serbien half nicht (UN-Embargo)
Kräfteverhältnis: 7:1 zugunsten Kroatiens.

Operation Sturm - Chronologie

4. August 1995 (Freitag) - Tag 1

05:00 - Beginn des Angriffs:

  • Artillerie: Massiver Beschuss serbischer Städte
  • Luftwaffe: Bombardierung ziviler Ziele
  • Bodentruppen: Angriff von allen Seiten
Beschossene Städte (zivile Ziele):
  • Knin (die Hauptstadt der RSK) - intensiver Beschuss
  • Benkovac
  • Obrovac
  • Gračac
  • Donji Lapac
Art der Munition:
  • Herkömmliche Granaten
  • Streubomben (durch das Völkerrecht verboten - sie zielen auf Zivilisten)
  • Orkan-Raketen - eine wahllose Waffe
Das ICTY (Haager Tribunal) stellte später fest: "Der Beschuss war wahllos und unverhältnismäßig. Das Ziel war nicht militärische Infrastruktur, sondern die Einschüchterung der Zivilbevölkerung."

5. August - Tag 2

Der Fall von Knin:

  • Die kroatische Armee dringt in Knin ein
  • Die RSK-Armee zieht sich zurück (Verteidigung unmöglich)
  • Die Zivilbevölkerung FLIEHT IN MASSEN
Traktoren und Kolonnen:
  • Zehntausende Zivilisten machen sich auf den Weg nach Bosnien (Banja Luka)
  • Traktoren, Busse, Autos, zu Fuß
  • Chaotische Flucht - Angst vor einem Massaker
Warum flohen sie?
  • Erinnerung an Jasenovac (1941-1945)
  • Angst vor Rache
  • Die RSK-Behörden riefen zur Evakuierung auf (oder erzwangen sie?)
  • Die kroatische Armee garantierte keine Sicherheit

6.-7. August - Tag 3-4

Die kroatische Armee nimmt das gesamte Territorium der RSK ein:

  • Benkovac, Obrovac, Gračac, Donji Lapac - gefallen
  • Die SVK zog sich vollständig nach Bosnien zurück
  • Massenflucht von Zivilisten
Zahl der Flüchtlinge:
  • Erste Welle (4.-7. August): ~150.000 Serben flohen
  • Zweite Welle (die folgenden Wochen): weitere 50.000 Serben vertrieben/geflohen
  • INSGESAMT: 200.000-250.000 Menschen

8. August - Ende der Militäroperation

Der militärische Teil abgeschlossen:

  • Die RSK hörte auf zu existieren
  • Kroatien nahm 10.500 km² Territorium ein
  • 200.000+ Serben vertrieben
Doch die Gewalt beginnt erst:
  • Die kroatische Armee und Polizei beginnen mit der "Säuberung des Geländes"
  • Tötung der verbliebenen Zivilisten (alte Menschen, die nicht fliehen konnten)
  • Niederbrennen serbischer Häuser
  • Plünderung von Eigentum

Gewalt nach dem Sturm - "Die systematische Zerstörung serbischen Lebens"

August-September 1995

ICTY-Feststellung: "Es gab ein systematisches Muster von Tötungen, Niederbrennen von Häusern und Plünderungen. Dies war keine sporadische Gewalt, sondern eine organisierte Kampagne." Methoden:

  • Tötungen: Die verbliebenen Zivilisten (überwiegend alte Menschen) getötet
  • Hinrichtungen: Gefangene ohne Gerichtsverfahren erschossen
  • Niederbrennen von Häusern: Systematisch - Haus für Haus
  • Plünderung: Vieh, Ausrüstung, Autos - alles weggetragen
  • Verminung: Felder, Brunnen, Häuser vermint

Dokumentierte Tötungen - Beispiele

Varivode (28. September 1995):

  • Ein Dorf bei Knin
  • 9 alte Menschen getötet (61-85 Jahre alt)
  • Die kroatische Militärpolizei drang in das Dorf ein
  • Sie forderten die Serben auf, sich zu ergeben - sie garantierten Sicherheit
  • Dann ERSCHOSSEN sie sie
  • Die Leichen wurden verbrannt, um die Beweise zu vernichten
Namen der Opfer (Varivode):
  • Jovan Berić (85 Jahre alt)
  • Dmitar Berić (62 Jahre alt)
  • Ilija Berić (70 Jahre alt)
  • Sava Berić (62 Jahre alt)
  • Petar Damjanović (76 Jahre alt)
  • Sava Milić (67 Jahre alt)
  • Jovan Rašeta (72 Jahre alt)
  • Đuro Sarap (61 Jahre alt)
  • Nikola Vujnović (64 Jahre alt)
Kroatien behauptet: Es war ein "isolierter Vorfall". ICTY: "Es war Teil eines breiteren Musters systematischer Gewalt."

Statistik der Gewalt

UN-Berichte (1995-1996):

  • Tötungen: 1.500-2.500 Zivilisten (Schätzung - viele Leichen wurden nie gefunden)
  • Vermisste: 2.500+ (Liste des Internationalen Roten Kreuzes)
  • Niedergebrannte Häuser: 22.000 (durch Satellitenaufnahmen dokumentiert)
  • Zerstörte Kirchen: 280+ orthodoxe Kirchen
Veritas (eine serbische Organisation - Dokumentierung der Opfer):
  • 1.191 dokumentierte Namen von Getöteten (mit Biografien)
  • Davon: 670 Zivilisten, 521 Militärangehörige (viele Gefangene)
  • Ältestes Opfer: 99 Jahre alt
  • Jüngstes Opfer: 3 Monate alt

Die UN anwesend - aber passiv

UNPROFOR - "Protected" Areas?

UN-Mandat:

  • Schutz der Zivilbevölkerung
  • Entmilitarisierung der Zone
  • Aufrechterhaltung des Friedens
Was taten sie während des Sturms?
  • NICHTS
  • 15.000 UN-Soldaten SAHEN ZU, wie Kroatien angriff
  • Sie versuchten nicht, den Angriff zu stoppen
  • Sie schützten die Zivilisten nicht
Warum?
  • Das Mandat erlaubte keine "Offensivaktion"
  • Angst vor einem Konflikt mit der kroatischen Armee
  • Politischer Wille - der Westen unterstützte Kroatien
UN-General Bernard Janvier (UNPROFOR-Kommandant): "Wir hatten nicht die Kapazität, die kroatische Armee zu stoppen. Wir konzentrierten uns auf humanitäre Hilfe." Kritik:

Wenn man 15.000 Soldaten hat und die Zivilisten nicht schützen kann - warum ist man dann dort? Das ist dasselbe Versagen wie Srebrenica (einen Monat vor dem Sturm).

Internationale Reaktion - Unterstützung für Kroatien

Die USA

Richard Holbrooke (amerikanischer Botschafter): "Der Sturm veränderte die militärische Lage auf dem Balkan. Es war eine positive Entwicklung." US-Politik:

  • Blockierte eine Verurteilung im UN-Sicherheitsrat
  • Ignorierte Berichte über Verbrechen
  • Setzte die Unterstützung für Kroatien fort

Die EU

  • Gemäßigte Kritik
  • Doch es wurden keine Sanktionen verhängt
  • Kroatien wurde später Mitglied der EU (2013)

Russland und Serbien

  • Verurteilten den Sturm
  • Forderten eine Untersuchung
  • Bei der UN von den USA blockiert

Das Haager Tribunal (ICTY) - Gerechtigkeit?

Die Angeklagten

Ante Gotovina - General, Kommandant des Sturms Mladen Markač - Kommandant der Sonderpolizei Ivan Čermak - Kommandant des Bezirks Knin Anklagepunkte:

  • Verbrechen gegen die Menschlichkeit
  • Verletzung der Gesetze und Gebräuche des Krieges
  • Deportation
  • Verfolgung
  • Plünderung
  • Zerstörung

Das Urteil - SKANDAL

2011 - Erste Instanz:

  • Gotovina und Markač VERURTEILT zu 24 und 18 Jahren
  • Čermak freigesprochen
2012 - Berufungskammer:
  • ALLE DREI FREIGESPROCHEN
  • Grund: "Kein Beweis für ein gemeinsames verbrecherisches Unternehmen"
REAKTION:
  • Kroatien: Feiern, Gotovina ein Nationalheld
  • Serbien: Schock, Enttäuschung
  • Die Opfer: Am Boden zerstört
  • Richter Fausto Pocar (abweichende Meinung): "Die Mehrheit hat sich geirrt. Die Beweise sind eindeutig - systematische Verbrechen haben stattgefunden."

Zahl der Opfer - unterschiedliche Quellen

UN-Berichte:

  • 1.500-2.500 Tote
  • 2.500+ Vermisste
Veritas (eine serbische Organisation):
  • 1.191 dokumentierte Namen
  • Doch viele wurden noch nicht gefunden
Human Rights Watch:
  • Bestätigt "Tausende von Opfern"
  • Systematische Gewalt
Die kroatische Regierung:
  • Behauptet "einige Hundert"
  • Bestreitet den systematischen Charakter
  • Behauptet, es seien "isolierte Vorfälle" gewesen

Ethnische Säuberung - die Definition ist erfüllt

Die UN-Definition der ethnischen Säuberung: "Eine systematische Politik der Vertreibung oder Tötung von Personen einer bestimmten ethnischen Gruppe aus einem bestimmten Territorium." Der Sturm erfüllt alle Kriterien:

  • ✅ Systematisch - von oben organisiert (ICTY-Beweise)
  • ✅ Vertreibung - 200.000-250.000 Serben
  • ✅ Tötung - 1.500-2.500 Tote
  • ✅ Eine bestimmte ethnische Gruppe - Serben
  • ✅ Ein bestimmtes Territorium - Krajina
Doch:
  • Das Haager Tribunal bezeichnete den Sturm NICHT als "ethnische Säuberung"
  • Die westlichen Mächte verurteilten ihn NICHT
  • Kroatien BESTREITET es

Die heutige Lage (2025)

Rückkehr?

Von den 200.000-250.000 Vertriebenen:

  • Zurückgekehrt: ~50.000 (überwiegend alte Menschen)
  • Nicht zurückgekehrt: ~150.000-200.000
Gründe, warum sie nicht zurückkehrten:
  • Häuser niedergebrannt - kein Ort, an den sie zurückkehren könnten
  • Angst vor Gewalt
  • Diskriminierung in Kroatien
  • Ein neues Leben in Serbien/Bosnien

Gerechtigkeit?

  • Gotovina, Markač, Čermak - freigesprochen
  • Nationale Gerichte in Kroatien - NIEMAND VERURTEILT für Verbrechen beim Sturm
  • Straflosigkeit - vollständig

Erinnerung

In Kroatien:

  • 5. August - Tag der Dankbarkeit (ein nationaler Feiertag)
  • Der Sturm wird als "Befreiungsoperation" gefeiert
  • Gotovina - ein Nationalheld
  • Die Opfer - heruntergespielt oder geleugnet
In Serbien:
  • 5. August - Tag der Erinnerung an die Opfer des Sturms
  • Gedenkfeiern
  • Forderungen nach Gerechtigkeit

Fazit

Die Operation Sturm war:

  • Die größte Militäroperation in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg
  • Die größte ethnische Säuberung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (200.000-250.000 vertrieben)
  • Systematische Gewalt - 1.500-2.500 Tote, 22.000 niedergebrannte Häuser
  • Ein Versagen der UN - 15.000 Soldaten schützten die Zivilisten nicht
  • Unterstützung des Westens - die USA und die EU unterstützten Kroatien
  • Straflosigkeit - niemand bestraft
  • Vergessen - während Srebrenica in Erinnerung bleibt, ist der Sturm vergessen

"Srebrenica ist ein Völkermord - zu Recht verurteilt. Der Sturm ist eine ethnische Säuberung - verschwiegen und vergessen. Die Gerechtigkeit ist selektiv." - Carla del Ponte, ehemalige Anklägerin des Haager Tribunals

Ewiger Ruhm den Opfern. Ewiges Gedenken. 🕊️

Quellen

ICTY - Prosecutor v. Gotovina et al. (IT-06-90) - Full Trial Judgment and Appeals Judgment
Human Rights Watch - 'Croatia: Impunity for Abuses Committed During Operation Storm and the Denial of the Right of Refugees to Return to the Krajina' (1996)
UN Security Council - S/1995/666, S/1995/779, S/1996/820
UN Human Rights Council - Report on human rights situation in Croatia
Amnesty International - 'Croatia: Operation Storm - still no justice ten years on' (2005)
Veritas - Dokumentaciono-informacioni centar - Database of victims
International Committee of the Red Cross - Missing Persons List
OSCE Mission to Croatia - Human Rights Reports
US State Department - Country Reports on Human Rights Practices (1995-1996)
European Parliament - Resolutions on Croatia

Standort

Republika Srpska Krajina (cela teritorija)

Učitavanje mape...

Kommentare (0)

Seien Sie der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.

Melden Sie sich an, um einen Kommentar zu hinterlassen: Anmelden

Gedenkkerze anzünden

Ehren Sie wichtige Ereignisse und Menschen.

Kerze anzünden